Praktische Empfehlungen zum Umgang mit Tierresten für Archäologen

(Die Empfehlungen zum Download)

1.  Warum diese Empfehlungen?

Der Verband bietet an dieser Stelle Empfehlungen zum Umgang mit Tierresten aus archäologischen Zusammenhängen. Die Empfehlungen richten sich an Archäologen wie auch an Geologen oder Bodenkundler von Grabungsfirmen, Universitätsinstitute, Denkmalschutzbehörden oder Museen. Sie sollen als praktische Hinweise für Planungsphase, Ausgrabung, Lagerung und wissenschaftliche Auswertung sein (ausführlicher bei Empfehlungen des Historic England und  der Association for Environmental Archaeology. In einzelnen Fällen existieren bereits Vorgaben durch verschiedene Behörden, die berücksichtigt werden müssen und Vorrang vor diesen Empfehlungen haben.

2. Umgang mit Tierknochen während der Ausgrabung und Bergung

Fragestellungen zur Wirtschaftsweise und zum historischen Landschaftsbild wie auch zur Rohstoffbeschaffung auf vor- und frühgeschichtlichen Aktivitätsbereichen sind von maßgeblichem Interesse für die archäologischen Forschung. Aussagekräftige Ergebnisse können in der Regel hierzu nur durch die Archäobiologie gezogen werden, weshalb botanische und zoologische Reste ebenso wie Keramik und andere Artefakte gleichermaßen wichtige archäologische Funde sind.

2.1. Projektplanung

Das Auftreten von archäobiologischem Fundmaterial ist fast in jedem Materialkomplex und in fast jeder Feldforschung gegeben und birgt damit zusätzliche Projektinformationen. Aus diesem Grunde sollte der Kostenfaktor der Archäozoologie innerhalb der Projektplanung grundsätzlich berücksichtigt werden. Auch wenn während eines Projekts oder unmittelbar nach Projektbeendigung keine archäozoologische Auswertung angedacht ist, sind eine adäquate Erstversorgung, Fundverwaltung und Verpackung mit entsprechenden Kosten anzusetzen. Gleichzeitig ist für den Auftraggeber bei privaten Grabungsfirmen aber auch im Falle von Bewerbungen um Forschungsgrabungen, die Berücksichtigung der Archäobiologie ein Ausweis gesteigerter Fachkompetenz.

2.2. Archäologie auf der Grabung

2.2.1. Einführung

Für optimale Ergebnisse, sollte bereits zu Beginn der Projektplanung ein Archäozoologe/ eine Archäozoologin hinzugezogen werden. Während der Grabung empfiehlt sich je nach Befundsituation ein/e Archäozoologe/-gin vor Ort, wobei vollständige und Teilskelette von Spezialisten dokumentiert und geborgen werden sollten. Wenn dies nicht möglich ist, sollte eine möglichst genaue Dokumentation mittels Foto und Zeichnung erfolgen wobei eine anschließende Blockbergung ratsam ist. Vollständige und eindeutig zusammengehörige Skelettteile sind aus Gründen der späteren eindeutigen Zuordnung als eigenständige Fundeinheit zu behandeln: Zu nennen wären hier beispielsweise Kiefer mit dazugehörigen Zähnen, Bruchstücke des Kopfskeletts mit Hörnern sowie sämtliche Jungtierknochen, wobei die Gelenke meist noch nicht mit dem Langknochen verwachsen sind und daher leicht abfallen können. Wie bei sämtlichen anderen Funden, ist auch bei Tierknochen innerhalb der Dokumentation auf eine eindeutige Fund- und Befundzuweisung zu achten. Tierknochen ohne eindeutige stratigraphische Zuweisung oder ohne Kontext verlieren einen Großteil ihrer wissenschaftlichen Informationen.

Zielführend ist die Untersuchung sämtlicher tierischer Reste einer Grabung. Wenn dies projektbezogen nicht möglich ist, sollte die Auswahl der Befunde nach Absprache mit dem/der Archäozoologe/-in getroffen werden. In besonderem Maße sei hier auch auf die Möglichkeit der Aufnahme von Sedimentproben hinsichtlich zoologischer Kleinstreste hingewiesen, die eine – wenn erforderlich – spätere Detailanalyse für bspw. kleinklimatologische Fragestellungen zulassen.

2.2.2. Zu erwartende Ergebnisse

Unabhängig von der Fragestellung kann die Bestimmung und wissenschaftliche Auswertung von Tierknochen folgende Aspekte beinhalten:

2.2.2.1. Sieben vs. Schlämmen

Das Handverlesen von Skelettmaterial ist die häufigste Methode bei archäologischen Ausgrabungen, wobei die geläufigsten Haustiere in der Regel gut erfasst werden. Knochen von Jungtieren oder Skelettteile von kleineren Tierarten wie Vögeln, Fischen, Amphibien sowie Reptilien und Mollusken , gehen bei dieser Methode jedoch meist verloren oder sind unterrepräsentiert.
Sieben wird bei der Ausgrabung vorgenommen um aussagekräftige kleine Knochen und andere tierische Reste zu gewinnen. In der Regel wird mit Maschengrößen von 2 mm gesiebt, wobei je nach Bodenbeschaffenheit und Ausstattung auf der Grabung trocken oder nass gesiebt werden kann. Das Schlämmen weist Maschengrößen von 0,5 - 1 mm auf. Größere Knochen werden hierbei mit bloßem Auge, kleinere Teile mit einem Vergrößerungsglas oder Mikroskop aus den Proben gelesen. Diese Methode eignet sich auch für verbrannte und kalzinierte Knochen.

Obwohl das Sieben und Schlämmen zeitaufwändiger und kostenintensiver in der anschließenden Bestimmung ist, ist die Verwendung dieser Methode sinnvoll, da nur hierdurch kleine Tierarten nachgewiesen werden können. So fanden sich beispielsweise an der Oder und in zahlreichen gewässernahen Siedlungen Germaniens während der römischen Kaiserzeit, regelhaft Netze, Angelhaken, Reusen und andere deutliche Belege für einen ausgeprägten Fischfang. Fischknochen sind jedoch selten oder gar nicht belegt. Optimale Beispiele für eine vollständige Ausgrabungs – und Bergungsmethodik mit Sieben und Schlämmen ausgewählter Befunde, ist z.B. die Wurt Feddersen Wierde, bei der nicht nur eine sehr differenzierten Fauna erfasst, sondern auch Nachweis von Parasiten erbracht werden konnte. Im bayerischen Manching (Oppidum) konnten durch das Schlämmflotationsverfahren Fischschuppen gewonnen werden, wodurch der Import delikater Mittelmeerfische in römischer Zeit eindeutig belegt wurde.

Das Sieben oder Schlämmen von Befunden ist aus archäobiologischer Sicht wünschenswert. Bei Forschungsgrabungen sollte daher bei ausgewählte Großbefunde mit einer chronologisch relevanten Funderwartung bereits bei den Vorplanungen ein Sieben und im optimalen Fall Schlämmen mit in Betracht gezogen werden. Dies sollte auch bei Rettungsgrabungen innerhalb großer Fundkontexte als Zielsetzung gelten.

Direktes Sonnenlicht ist bei Grabungen in der Regel nicht vermeidbar, es kann jedoch frisch freigelegte Skelettfunde erheblich schädigen. Bei sommerlicher Witterung wäre darauf zu achten, dass Skelettreste schattiert und so weit wie möglich durch ein zügiges Abdeckung mit Planen vor zu schneller Austrocknung geschützt werden.

2.2.2.2. Bergungspraxis

Bei der Erstversorgung von Tierknochenfunden sind ähnliche Kriterien wie bei vorgeschichtlicher Keramik zu beachten. So sind Knochen im feuchten Zustand noch sehr brüchig und können zerfallen. Dieses Zerfallen der Skelettreste in Einzelfragmente erhöht bei der späteren Bearbeitung den Arbeitsaufwand, die Knochenfundzahl (KNZ/NISP/n) und verfälscht damit das Auswertungsergebnis, weshalb beim Bergungsvorgang besondere Vorsicht geboten ist. Größere, zusammengehörige Fragmente können nach Absprache mit den Restaurierungsabteilungen der Denkmalschutzbehörden der jeweiligen Bundesländer mit Klebstoffen noch vor der Bergung im Befund gesichert werden. Für vollständig reversible Klebungen (Lösungsmittel: Aceton) eignen sich Polyvinylacetat und Cyanacrylat. Diese Klebstoffe haben den Vorteil, dass eine rasche Reaktion auch bei Restfeuchtigkeit eintritt und dass sie nach derzeitigem Wissenstand chemisch relativ stabil sind. Des Weiteren sind Acrylester und Aminharze gute Härtungsmittel. Traditionell kann auch Holzleim verwendet werden. Wenn Knochen noch während der Grabung mit Klebstoffen gesichert werden, ist grundsätzlich innerhalb der Dokumentation die genaue chemische Bezeichnung der Mittel zu benennen. Sämtliche Härtungsmethoden haben jedoch Nachteile, wie ein Unkenntlichwerden für die Identifizierung morphologisch relevanter Merkmale oder menschlicher Manipulationsspuren.

Zur Schimmelvermeidung sollten die Funden nicht unmittelbar nach der Bergung luftdicht verpackt werden. Stapelbare Euronormboxen (Kunststoff: PE / HDPE) mit durchbrochenen Wänden, durchlochte Plastiktüten oder stabile Papiertüten gewährleisten eine gute Belüftung. Nach einer vorsichtigen Fundreinigung und vollständigen Trocknung ist eine „platzsparende“ Fundverpackung, ebenso wie bei Keramik möglich. Dabei gilt es auf möglichst chemische neutrale Verpackungsmaterialien, z.B. Kunststoffbeutel ohne ausdampfende Weichmacher zu achten. Nach derzeitigen Erkenntnissen sind sämtliche PE – Kunststoffe die geeignetste Wahl.

2.2.2.3. Erdproben

Wenn aus Zeitgründen ein Schlämmen bzw. Sieben von Befunden nicht möglich ist, können Erdproben genommen werden. Die Anzahl, Menge und Verpackung der Proben ist mit der jeweiligen Denkmalschutzbehörde der einzelnen Bundesländer abzusprechen. Nachdem eine Lagerung mit Restfeuchtigkeit nur klimakonstant bei niedrigen Temperaturen möglich ist, sollten sämtliche Erdproben vor der endgültigen Verpackung vollständig durchgetrocknet sein, um eine Schimmelbildung zu vermeiden (siehe Kap. 3.1.1).

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