Nadine Nolde
Abgedeckte Pferde in Otzenrath, Gemeinde Jüchen im Rhein-Kreis Neuss
(Nordrhein-Westfalen)

(Fortsetzung)

Bei dem fast vollständig vorliegendem Individuum 1 (Grube 95) handelt es sich um ein ca. 8 Jahre altes männliches Tier mit einer Schulterhöhe von ca. 153 cm. Am 13. und 14. Brustwirbel belegen dorsale Knochenauftreibungen eine besondere Belastung an dieser Stelle, die durch das Reiten entstanden sein könnte. Durch eine Stoffwechselerkrankung, die zu einer chronischen Entzündung der Lederhaut des Hufes führt, wurde bei diesem Tier ein Teil der Knochensubstanz des Hufbeins abgebaut. Die Folge waren Lahmheit und große Schmerzen, was höchstwahrscheinlich zu der Tötung des Individuums geführt hat. Die Überreste von Individuum 2 (Grube 34) sind durch eine neuzeitliche Mauer gestört, so dass nur die vordere Schnauzenpartie und der hintere Teil ab der Brustwirbelsäule geborgen werden konnte. Auch dieser Hengst erreichte mit ca. 9-10 Jahren kein besonders hohes Alter, gehörte jedoch mit einer Schulterhöhe von 165 cm schon zu einem stattlichen Reitpferd.
Von Individuum 3 ist ebenfalls nur ein Teil des Skeletts erhalten. Durch das Fehlen des Schädels konnte kein genaueres Alter mehr ermittelt werden, lediglich die verwachsenen Gelenkfugen der Extremitäten deuten auf ein ausgewachsenes Tier hin. Diese Stute entsprach mit einer Schulterhöhe von 154 cm ungefähr der Größe von Individuum 1, war dabei deutlich breitwüchsiger, so dass man hier durchaus von einem Kaltblutpferd ausgehen kann. Dass es entsprechend schwere Arbeit als Rücke- oder Pflugpferd verrichtet hat, zeigt sich an verschiedenen Stellen des Fußskeletts. So hat die hohe, vermutlich einseitige Belastung zu einer deformierenden Arthropathie, einem so genannten Spat, und einer teilweisen Versteifung (Ankylosierung) des hinteren Tarsalgelenks und einer stark ausgeprägten partiellen Verknöcherung der Hufbeinbänder an allen vier Hufen geführt. Ob diese Alters- und Verschleißerscheinungen zur Tötung der Stute geführt haben oder ob sie an einer anderen, an den Knochen nicht sichtbaren Krankheit oder Verletzung oder eines natürlichen Todes starb, muss offen bleiben.

Laufendes Projekt in Zusammenarbeit mit: Christian Röser, M.A. Dorfgenese und Entwicklung des hochmittelalterlichen bis neuzeitlichen Siedlungsplatzes Otzenrath, Stipendiat der Stiftung zur Förderung der Archäologie im rheinischen Braunkohlenrevier (Antrag Nr. 217), LVR Amt für Bodendenkmalpflege (Außenstelle Titz).

Literatur:
A. d. von Driesch, Die Bewertung pathologisch-anatomischer Veränderungen an vor- und frühgeschichtlichen Tierknochen. In: A. T. Clason (Hrsg.), Archaeozoological studies. Papers of the Archaeological Conference 1974, held at the Biologisch- Archaeologisch Instituut of the State University of Groningen (Amsterdam 1975) 413–425.

E. Dahme, A. Hafner-Marx, Grundriß der speziellen pathologischen Anatomie der Haustiere. (Stuttgart 2007) 249.

Ch. Roberts, K. Manchester, The Archaeology of Disease. Stroud 2010, 172-174.