Warum ein Archäozoologenverband?
In Deutschland gibt es heute aufgrund eines kontinuierlichen Abbaus nur wenige Einrichtungen der Archäozoologie. Neben den vereinzelt fest angestellen Archäozoologen arbeiten mittlerweile immer mehr Archäozoologen auf freiberuflicher Basis.

Die rege archäologische Ausgrabungstätigkeit bringt massenhaft Tierüberreste hervor. Die Kenntnis der archäozoologischen Arbeitsweise und das Verständnis für den Sinn der Bearbeitung von Tierknochen sind allerdings nur bei wenigen Archäologen vorhanden, weil einführende Archäozoologiekurse im Studium fehlen. Es ist daher nicht ungewöhnlich, dass Tierknochen bei Ausgrabungen nicht bearbeitet oder gar nicht erst geborgen werden. Gemessen an vielen angrenzenden Ländern wird Archäozoologie in Deutschland häufig nicht als notwendig erachtet. In den Niederlanden und in Großbritannien beispielsweise wird die Archäozoologie als Kostenpunkt bereits im Projektdesign aufgenommen und beziffert. Die mangelnde Beachtung der Archäozoologie ist bedauerlich, zumal deutsche Wissenschaftler einst zu den Vorreitern des Fachs weltweit gehörten und ihre Literatur noch immer durch Fachkollegen in aller Welt rege herangezogen wird.

Mit dem Archäozoologenverband wird daher beabsichtigt, sowohl Archäozoologen als auch Archäologen anzusprechen.

Aufgrund der überall knappen Finanzmittel werden in vielen Fällen archäozoologische Bearbeitungen öffentlich ausgeschrieben. Dies hat zur Folge, dass das billigste Angebot gewählt wird. Oft werden Aufträge an Nicht-Qualifizierte vergeben, die aber die kostengünstigsten Angebote erstellen. Kaum ein Archäologe kann jedoch die Qualität der Arbeit beurteilen. Durch den starken Konkurrenzdruck mit „Billiganbietern“ sind viele freie Archäozoologen gezwungen, zu Preisen zu arbeiten, die weit unter dem landesüblichen Niveau für wissenschaftliche Arbeit vergleichbarer Qualifikation liegen. In Anbetracht der aufwändigen Ausbildung, des viele Jahre dauernden Sammelns von Erfahrung für die Bestimmung von Tiermaterialien und der wissenschaftlichen Analyse der erhobenen Daten, der umfangreichen Ausstattung des Büros und der Vergleichssammlung sind diese Zustände untragbar. Letztendlich führt dies dazu, dass gut ausgebildete Archäozoologen nicht existieren können und gezwungen sind, ihren Beruf aufzugeben. Außerdem hat es fatale Auswirkungen auf die Qualität der erbrachten Leistungen für die archäologischen Auftraggeber und die Situation der Archäozoologie in Deutschland insgesamt.

Archäozoologen soll der Verband dazu dienen, eine stärkere Verknüpfung untereinander zu erreichen. Eine gemeinsame Preisgestaltung kann als Richtwert für Aufträge dienen. Die Entwicklung von Qualitätsstandards für archäozoologische Arbeit soll durch Berufsregeln und Satzung gewährleistet werden.

Archäologen soll der Verband und der Webauftritt dazu dienen, sich über die Arbeitsweise der Archäozoologie zu informieren, Leitlinien für den Umgang mit Tierüberresten auf Ausgrabungen und bei der Konservierung und Archivierung zu erhalten, eine Abschätzung für die Bearbeitungskosten unterschiedlicher Materialien zu gewinnen, sowie eine einfache Kontaktmöglichkeit mit ausgebildeten Archäozoologen zu bekommen.

Weiterführende Informationen:

Jones, David M.:
Environmental Archaeology – A guide to the theory and practice of methods, from sampling and recovery to post excavation, Centre for Archaeology Guidelines, 2nd edition, Swindon 2011
www.english-heritage.org.uk/publications/environmental-archaeology-2nd/environmental-archaeology-2nd.pdf